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„Factfulness“: Wie schlimm ist unsere Welt wirklich?

08.10.2019 | Speakers Corner

Hier eine Auswahl an Testfragen, die Hans Rosling in seinem letzten Buch „Factfulness – Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ stellt: Wie viele Mädchen aus armen Ländern beenden die Grundschule erfolgreich? Wo leben die meisten Menschen – in armen oder in reichen Ländern? Wie entwickelte sich die Zahl der Tode durch Umweltkatastrophen in den vergangenen 100 Jahren?

Damit möchte er zeigen, dass wir die Welt viel negativer sehen, als sie ist. „Factfulness“ beschäftigt sich mit der selektiven, negativen Wahrnehmung. Diese wird nicht nur durch die Medien gesteuert, sondern durch die Funktionsweise unseres Gehirns. Es hat sich über Millionen Jahre entwickelt. Als Jäger und Sammler mussten wir unseren Überlebensinstinkten trauen, Klatsch und dramatische Geschichten waren lange Zeit die einzigen Nachrichtenquellen und in Zeiten von Hungersnöten waren Zucker und Fett unsere Lebensretter. Die dramatisierte Sicht hilft auch, unserem Leben Bedeutung zu geben und durch den Tag zu kommen. Jede Entscheidung rational zu durchdenken – das ist schlicht unmöglich.

Trotz Bildung entstehen Vorurteile

Bemerkenswert sind die Einschätzungen zu Fakten der Wohlstandsentwicklung von Ländern: Bei den 13 Testfragen aus „Factfulness“ schnitten Hochgebildete schlechter ab als andere Bevölkerungsschichten. Bei einem Multiple-Choice-Test erzielten sogar Affen (!) höhere Treffer. Rosling erzielte mit dieser Beobachtung bei (z.B. TED-) Vorträgen stets die höchste Aufmerksamkeit – Bildung ist kein Garant für vorurteilsfreie Einschätzung und Wahrnehmung.

Aber: Wir sollten das Drama in unseren Köpfen besser kontrollieren. Nach der Lektüre von Rosling soll uns das leichter fallen.

Drei Tools aus „Factfulness“ kurz erklärt

„The Negativity Instinct – Expect bad news“: Über die Medien erreichen uns hauptsächlich negative Nachrichten über Naturkatastrophen, Hungersnöte, Artensterben oder Terroranschläge. „Die Welt ist in einem Teufelskreis aus Extremismus gefangen, der noch mehr Extremismus hervorbringt“, so Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern bei der Trauerfeier im neuseeländischen Christchurch im März 2019. Diese negativen Ereignisse prägen sich in unser Gedächtnis ein.

Tipp: Beim Konsumieren von Nachrichten sollten wir immer im Hinterkopf haben, dass über positive Dinge kaum berichtet wird.

„The Size Instinct – Get things in proportion“: Um Dinge zu veranschaulichen, werden gerne Vergleiche gezogen. Diese können unser Empfinden für eine Sache erheblich beeinflussen, da man immer in zwei Richtungen gehen kann: Im Vergleich zu einem Elefanten ist eine Maus winzig, im Vergleich zu einer Ameise ist sie riesig.

Tipp : Wenn verschiedene Zahlen vorliegen, können Sie selbst überlegen, mit was Sie sie vergleichen würden, um sie besser einzuschätzen.

„The Blame Instinct – Resist pointing your finger“: Es ist leicht, einen Sündenbock zu suchen. Ein bekanntes Phänomen ist die #dankemerkel-Bewegung. Egal was in Deutschland falsch läuft, die Bundeskanzlerin sei dafür verantwortlich. Hier geht es nicht nur um politische Fragen, Frau Merkel sei auch schuld am Klimawandel oder an Einzelschicksalen. Dadurch verliert der Mensch schnell den Blick für mögliche andere Erklärungen.

Tipp: Eine Situation neutral betrachten, um mehrere Antwortmöglichkeiten zu finden.

Was Kommunikatoren aus „Factfulness“ mitnehmen können

Es gibt viele Wege, Dinge zu verstehen und zu kommunizieren. Bei einer Nachricht muss jeder für sich selbst entscheiden, in welchem Zusammenhang sie steht und welche Absicht sie verfolgt. Ein zweiter Blick hilft, etwas in einem anderen Licht zu sehen und die „Wahrheit“ zu erkennen. Rosling betont in „Factfulness“, dass Kommunikatoren auch nur Menschen sind, die Fehler machen können. Um diese festzustellen, müssen wir regelmäßig unser Weltbild anpassen. Durch eine faktenbasierte Sicht auf die Welt können wir kommunizieren, wie die Welt wirklich ist und wo die Welt verbessert werden kann. Jeder muss sich regelmäßig vor Augen führen: Die Wahrnehmung von Fakten ist nicht statisch, sie ändert sich mit der Zeit.

Bildquelle: Factfulness – Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, Hans Rosling


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