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Zu Besuch bei einem TV-Sender in Tiflis

08. June 2018

Im Mai 2018 produzierte die georgische Hauptstadt Tiflis Bilder für die Weltpresse. 20.000 Jugendliche protestierten für 24 Stunden zu Techno-Klängen vor dem georgischen Regierungsgebäude. Sie protestieren tanzend und friedlich gegen staatliche Einschüchterungsversuche in den angesagten Clubs der Stadt. Eine Woche später organisierte die orthodoxe Kirche und konservative Gruppierungen eine Kundgebung für die Bewahrung alter Werte.

Nach 20 Jahren Unabhängigkeit ist in Georgien vor allem bei der Jugend die Hinwendung zu westlichem Lebensstil sehr ausgeprägt, doch viele, besonders ältere, Menschen suchen in Zeiten des permanenten Umbruchs auch nach Sicherheit in Traditionen und Ritualen. Die junge Demokratie und ihre Institutionen sind stabil aber es gibt auch innerhalb der Parteienlandschaft rechts-populistische Vertreter, die die Stimmung mit zugespitzten Formulierungen anheizen. Keine einfache Aufgabe für die georgischen Medien, hier ihrem Auftrag nach neutraler Aufklärung und Information nachzukommen.

Ich hatte die Gelegenheit bei TV Pirveli, dem größten georgischen TV Portal, den Machern der allabendlichen Talkshow live „über die Schulter“ zu schauen und konnte trotz Sprachbarriere einen sehr interessanten konzeptionellen Unterschied zu deutschen Talkshow Formaten wie Anne Will oder Sandra Maischberger beobachten: die Diskutanten der verschiedenen Lager werden in unterschiedlichen Studios befragt und haben dennoch auch die Gelegenheit des direkten Austausches - sie sitzen aber nicht vereint in einer Runde. Warum? Es kann gelegentlich zu Handgreiflichkeiten kommen, klärt mich die Moderatorin auf. Es wird gerne leidenschaftlich argumentiert und debattiert und die Emotionen überwältigen die Talkshowgäste hin und wieder. Gerade auf Seiten der Populisten wirkt an diesem Abend die Aufregung allerdings etwas künstlich und auch der Sender selbst muss Kritik für seine Berichterstattung der Jugendbewegung einstecken. Die Grenzen der Moderation sind anders als bei uns, Emotionen werden stärker zugelassen und evtl. ist das ja auch ein Stück weit gut für die Quote. Jedenfalls wird die Meinungsfreiheit auch des Andersdenkenden respektiert.

Nette Koinzidenz: Kaum wieder in Deutschland, demonstrierten 25.000 Vertreter der Berliner Clubszene unter dem Motto „Bass gegen Hass“ gegen 5.000 AfD Anhänger für ein liberales, weltoffenes Deutschland. Und die deutschen Medien? Räumen diesen Umstand breite Berichterstattung ein, die AfD Vertreter an diesem Abend eher schmallippig. Wir lernen ... Demonstrationen sind hier wie dort „Live-Ereignisse“ mit medialer Wirkungskraft und es ist ermutigend zu sehen, dass gerade die „Generation Facebook“ die Straße als politische Arena wiederentdeckt.

Jochen Leufen

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